Kirche und Wirtschaft?

Das Ökonomieprofil am Lichtenstern-Gymnasium im Rahmen kirchlicher Bildungsarbeit.

 

Im Sommer 2000 tobte ja die Diskussion um die bundesweite Einführung des Faches „Wirtschaft“ in den Medien. Gefordert wurde vielerorts eine pragmatischere, am Arbeitsmarkt orientierte – berufliche - Bildung. Demgegenüber betonte Werner Baur, dass er Bildung weiterhin als „Persönlichkeitsbildung“ verstehe und betonte die Bildungsmethodik in der Vermittlung von Sozial- und Handlungskompetenzen durch die Prägung in einer evangelischen Schule. Schule ist nicht dazu da, „Futter“ für den Arbeitsmarkt zu erzeugen, sondern Persönlichkeiten zu bilden, die sich durch Orientierungswissen urteilsfähig in einer durch die Ökonomie geprägten Lebenswelt verhalten können. Baur betonte dabei, dass im neuen Schulfach ökonomisches Sachwissen eingebunden wird in ein ethisch fundiertes Urteilsvermögen, d.h. auch, dass ökonomische Überlegungen nicht als allein gültiger Maßstab angesehen werden. Das Lichtenstern-Gymnasium versteht Baur als Ort, an dem kirchliche Bildungsverantwortung exemplarisch und für das öffentliche Schulwesen modellhaft zum Tragen kommt. Das Ökonomieprofil am Lichtenstern-Gymnasium ist also durchaus als Modellfall für das Land gedacht.

 

Kultusministerin Annette Schavan hat diesen Modellversuch von Anfang an positiv begleitet und war bei der Vertragsunterzeichnung am 26. April 2001 persönlich zugegen. Sie konnte sich aber nicht verkneifen zu sagen, dass sie sich sehr gewundert habe, als Oberkirchenrat Baur 1999 ihr gegenüber zum ersten Mal die Pläne zum Ökonomieprofil am Lichtenstern-Gymnasium erwähnt habe. Jedem hätte sie das zugetraut, nur nicht der Kirche, war ihr – schmunzelnder - Kommentar. Damit hat die Ministerin aus der Beobachterperspektive gängige Vorbehalte formuliert, auf die wir bei der Entwicklung unseres Konzeptes vielfältig gestoßen sind. Kurz gesagt: „Kirche und Wirtschaft geht nicht zusammen“ – lautet diese aus unterschiedlichen Quellen gespeiste Überzeugung. Analysiert man die Ursachen für diese Unvereinbarkeitshypothese stößt man auf drei Mißverständnisse. Zwei betreffen die Kirche und eines die Wirtschaft.

 

Zunächst sind viele Zeitgenossen noch immer von der Jenseitsorientierung der Kirche überzeugt. Die Religionskritik des 19. Jh., aber auch viele theologische Konzepte der damaligen Zeit sind noch heute prägend für viele Vorstellungen von kirchlicher Arbeit innerhalb und außerhalb der Kirche. „Die Herren Pastoren sollen sich um die Seelen ihrer Schäfchen kümmern und die Politik aus dem Spiel lassen“, lautet ein bekanntes Diktum Kaiser Wilhelms II. In einer Art Arbeitsteilung sind die Träger der staatlichen Gewalt für das Diesseits und die kirchlichen Amtsträger für das Jenseits zuständig, wobei die Religionskritik dazu noch unterstellte, dass Kirche damit reaktionären Kräften in Staat und Gesellschaft in die Hände arbeitete. Doch muss betont werden, dass Kirche – falls sie solche Positionen jemals eingenommen hat – diese heute hinter sich gelassen hat. Glaube ist welt- und wirklichkeitszugewandt. Wir vertreten keine „erdenfernen Theorien“, sondern wissen uns der Gestaltung des Lebens im Geiste des Evangeliums verpflichtet. Die Denkschriften der EKD sind ein Zeugnis dafür, dass Kirche heute Stellung bezieht zu sozialen, politischen und wirtschaftlichen Fragen. Das Ökonomieprofil in Sachsenheim ist ein Beispiel für Gestaltungswillen und kirchliche Bildungsverantwortung. Gerade diese Woche durften die Abiturien tinnen unserer Schule in der schriftlichen Abiturprüfung im Fach Religion einen Text bearbeiten, in dem zu lesen war: „Christen sind keine „Hinterweltler“, wie Friedrich Nietzsche spottete, sondern „Weltkinder“.

 

Umgekehrt werfen viele Zeitgenossen gerade der evangelischen Kirche eine Utopieorientierung vor. Vor Augen haben sie das starke gesellschaftskritische Engagement vieler Pfarrer und Kirchenmitglieder in den 70er und 80er Jahren, die dazu neigten die Reichgottesbotschaft des Neuen Testaments als innerweltliches Ziel aufzufassen und politischen und ökonomischen Entwicklungen der Gegenwart radikal kritisch gegenüber standen. Nach dieser Kirchensicht ist es schon verwunderlich, dass Kirche sich mit dem „bösen Kapitalismus“ auseinandersetzt. Diese Konfrontation des Reich Gottes mit der irdischen Alltäglichkeit in den 70er Jahren ist als Kontrapunkt zu konformistischen Positionen ja durchaus zu begrüßen, losgelöst wird sie der biblischen Position aber nicht gerecht.

 

Angesichts des absoluten Anspruchs der Reichgottesbotschaft sind für Christen alle weltlichen Strukturen relativ, veränderungsbedürftig aber auch veränderungsfähig. Das Reich Gottes bietet einerseits keinen konkreten Plan für die Weltgestaltung, andererseits wehrt es das Abfinden mit dem Bestehenden ab. In diesem Sinne ist christliches Handeln weder utopisch noch konformistisch. Kirchliche Bildungsverantwortung weiß sich einer veränderungsbedürftigen und einer veränderungsfähigen Welt verpflichtet und wird die Absolutsetzung innerweltlicher Konzepte immer abwehren.

 

Zwei falsche Vorstellungen von Kirche – Jenseits- bzw. Utopieorientierung – sind mögliche Ursachen von Vorbehalten gegen das Sachsenheimer Modell. Eine falsche Vorstellung von der Wirtschaft führt aber drittens auch gerne dazu, dass „Kirche und Wirtschaft“ für unvereinbar gehalten werden. Es handelt sich um die Vorstellung, dass die moderne Wirtschaft einen zutiefst amoralischen Funktionsmechanismus darstellt, der mit der „moralischen Anstalt Kirche“ nicht kompatibel ist. Eigennutz / Egoismus werden in krassem Widerspruch zur Nächstenliebe empfunden. Die Wettbewerbswirtschaft wird mit unbarmherziger Selektion gleichgesetzt und mit dem „Evangelium der Barmherzigkeit“ als „Aufstand gegen das Selektionsprinzip“ (Gerd Theißen) kontrastiert. Kurz: Hier steht Egoismus gegen Altruismus.

 

Diesen Kritikern kann geantwortet werden, dass wir zwar im Rahmen der Diskussion um die sog. „Wirtschafts- und Unternehmensethik“ seit anderthalb Jahrzehnten den Streit um den Ort der Ethik in der Marktwirtschaft verfolgen können. Die Vorstellung, dass die Marktwirtschaft in der Form der Sozialen Marktwirtschaft, wie wir sie in der Bundesrepublik etabliert haben, eine grundlegend amoralische Einrichtung sei, liegt aber spätestens seit 1989 hinter uns.

 

Die Auseinandersetzung um den Ort der Ethik möchte ich an dieser Stelle gar nicht entscheiden, sondern nur kurz skizzieren: Nach der heute geläufigen Definition von „Wirtschaften“ versteht man darunter „den rationalen Umgang mit knappen Ressourcen zur Befriedigung von Bedürfnissen“. Nicht wenige Theoretiker machen schon an zwei Stellen dieser kurzen Definition die Ethik fest. So kann man beim „rationalen Umgang“ ansetzen und versuchen „ökonomische Rationalität“ zu fassen. Der Wirtschaftsethiker Peter Ulrich versteht so ökonomische Rationalität als praktische Vernunft und verbindet in ihr Effizienz und Lebensdienlichkeit. Es geht also um ein reflektiertes Eigeninteresse, das kompatibel mit Moral gemacht wird. Nebenbei sei erwähnt, dass die bekannteste Formulierung, die versucht Moral und Eigeninteresse zu verbinden, in der Bibel steht: Im Matthäusevangelium heißt es an exponierter Stelle: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!“ (Mt 7,12).

 

Man kann auch bei den „knappen Ressourcen“ in der Definition ansetzen und den Eindruck der „Amoralität“ des Wirtschaftens gerade mit dem Versagen dieses Prinzips verbinden. Schließlich hängen die großen Probleme unserer Wirtschaften ja  daran, dass Marktakteure die Güter „Umwelt“ und „Sozialen Frieden“ kostenlos in Anspruch zu nehmen meinen können, d.h. sie werden fälschlich als freie statt als knappe Güter aufgefasst. Der Eindruck der Amoralität wird also eher durch eine ungenügende Anwendung des Grundsatzes des Wirtschaftens erzeugt und nicht durch ihn selbst. Demzufolge hätte die Marktwirtschaft selbst eine moralische Qualität.

 

Diese Position ist m.E. eine große Bereicherung der Diskussion gewesen, kann aber nicht die einzige Antwort sein, denn sie übersieht zu leicht, dass die Marktakteure meist nur kurzfristige Ziele verfolgen und die langfristigen ökonomischen Vorteile bestimmter ökologischer und sozialer Vorgehensweisen gar nicht im Auge haben.

 

Sieht man hier einen „Defekt“ der Marktwirtschaft, so ist die Wirtschaftsordnung, also die Soziale Marktwirtschaft (oder besser Ökologisch-soziale Marktwirtschaft), als Korrektiv gefragt. Letztlich geht es unseres Erachtens darum, in dieser Frage individualethische und institutionenethische Aspekte miteinander zu verbinden und nicht gegeneinander auszuspielen.

 

Es ist bei der Frage der Wirtschaftsordnung interessant, sich mit Alfred Müller-Armack, den Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium unter Ludwig Erhard zu beschäftigen. Er wird heute als Wirtschaftswissenschaftler und Cheftheoretiker der Sozialen Marktwirtschaft in den 50er und 60er Jahren erinnert. Kaum jemand weiß heute noch, dass Alfred Müller-Armack Ende der vierziger und Anfang der fünfziger Jahre eine Reihe religionssoziologischer und theologischer Schriften in protestantischer Tradition verfaßt hat, in denen er die Grundlagen für sein Konzept der Sozialen Marktwirtschaft entwickelte. Um zu verdeutlichen, dass am Anfang unserer Wirtschaftsordnung eine „Re­christianisierung“ des Wirtschaftlichen stand, möchte ich ihnen einen Abschnitt aus Müller-Armacks fast vergessenem Buch „Das Jahrhundert ohne Gott“ aus dem Jahre 1948 zitieren. Dort heißt es: „Die Anerkennung höchster geistiger Werte enthüllt uns die Illusion eines Jahrhunderts, in einem wie auch immer gearteten Wirtschaftsprogramm letzte Lebenserwartungen erfüllt sehen zu wollen. Es bedarf all unserer geistigen Entschiedenheit, dass nicht irgend ein anderes den Massen gebotenes Wirtschaftsprogramm die gefährliche Faszination erneuert. Das bedeutet keineswegs eine asketische Geringschätzung des Wirtschaftlichen. Es ist und bleibt ein wichtiges, wenn auch nicht das zentrale Lebensgebiet, und von seiner guten Ordnung hängt von der Kultur sehr viel ab. Aber gerade dies, seine gute Ordnung, wurde unmöglich gemacht durch die nun schon Tradition gewordene Übersteigerung wirtschaftspolitischer Prinzipien zu Glaubenspostulaten. ... (Die Volkswirtschaftslehre) hat sich zu Beginn des Jahrhunderts so verhalten, als sei schlechthin nichts gegen den intransigenten Liberalismus einzuwenden, während heute die umgekehrte Neigung besteht, die ... zutage tretenden Mängel der zentralen Wirtschaftslenkung überhaupt nicht sehen zu wollen und vor jeder Lenkung einfach gläubig zu kapitulieren. (...) Wir müssen endgültig der Illusion aufgeben, als sei es um das irdische Leben am besten bestellt, wo man einzig seine Werte ernst nimmt und als Lebenszweck anerkennt. Das Gegenteil ist der Fall. (...) Eine Rechristianisierung unserer Kultur ist damit die einzige realistische Möglichkeit, ihrem inneren Verfall in letzter Stunde entgegenzutreten. (...) Gerade weil das Christliche das Unzeitgemäße ist, bietet es für die Umgestaltung unseres politischen und wirtschaftlichen Lebens die einzige zeitgemäße Lösung.“

 

In diesen Worten werden die protestantischen Wurzeln der Sozialen Marktwirtschaft mit Händen greifbar und ich hoffe, Sie haben ihre Verwunderung über die Verbindung von „Kirche und Wirtschaft“ etwas abgelegt.

 

Vorgeschichte

 

Die Schulstiftung der Evangelischen Landeskirche betrieb ihre Schulen (Michelbach bei Schwäbisch Hall, Mössingen bei Tübingen und Sachsenheim) ursprünglich als Aufbaugymnasien in Internatsform und entschloss sich dann zur Umstrukturierung der Einrichtungen zu Vollgymasien mit besonderen Angeboten. So wurde für Michelbach ein besonderes Profil „Diakonie“ (das sog. „Michelbacher Modell“) mit dem Fach „Religion/Diakonie“ ab Klasse 9 und eigenständigem Grundkurs „Diakonie“ in der Oberstufe entwickelt. Eine Kommission erarbeitete hierzu erfolgreich ein Konzept und einen Lehrplan, der vom Kultusministerium genehmigt wurde.

 

Diese positiven Erfahrungen waren Motivation auch für das Aufbaugymnasium in Sachsenheim im Rahmen der Umstrukturierung ein besonderes Profil zu entwickeln. Mitte 1999 wurde erstmals die Idee eines eigenständigen Schulfaches Ökonomie diskutiert und eine Profilierung bereits ab Klasse 5 erwogen. Als der „Beirat für ökonomische Bildung des deutschen Aktieninstituts“ dann 1999 sein „Memorandum zur ökonomischen Bildung. Ein Ansatz zur Einführung des Schulfaches Ökonomie an allgemeinbildenden Schulen“ vorlegte, fanden die Verantwortlichen der Schulstiftung den eingeschlagenen Weg bestätigt.  Bis November 1999 wurde von einer „Denkgruppe Wirtschaftsprofil Sachsenheim“ ein Konzept für das neue Schulfach entwickelt und im Dezember 1999 eine Lehrplankommission eingesetzt, die inzwischen den Lehrplan für die Unter- und Mittelstufe fast komplett entwickelt hat.

 

Begründung

 

Am 3. Februar 2000 wurde dieses Konzept im Gemeinderat der Stadt Sachsenheim zum ersten Mal öffentlich präsentiert (Sachsenheim beteiligt sich finanziell am Schulneubau). Einleitend wurde die Auffassung vertreten, dass ökonomische Bildung heute ein integraler Bestandteil von Allgemeinbildung ist. Daneben wurde herausgestellt, dass ein eigenständiges Schulfach „Ökonomie“ besonders geeignet ist, 1. eine zukunftsweisende Bildungsmethodik zu vermitteln, 2. Schule in ihr Umfeld zu öffnen und 3. als zentrales Vernetzungsfach mit den anderen Schulfächern zu dienen.

 

Ökonomie wurde definiert als „Grundlagenfach für das Verständnis wirtschaftlicher Prozesse mit klar konturierter christlich-verantwortungsethischer Komponente“. Beim neuen Schulfach geht es nicht um die Erlangung von rein anwendungsorientiertem wirtschaftlich-beruflichen Spezialwissen, sondern um ein dem Anspruch des allgemeinbildenden Gymnasiums angemessenen Grundlagenfachs, dessen Themenfelder handlungsorientiert vermittelt werden. Kognitive, erlebnis- und handlungsorientierte sowie erzieherisch-ethische Komponenten bilden die tragende Trias zur Vermittlung einer „verantworteten ökonomischen Kompetenz“. Eine inhaltliche Struktur des Lehrplans wurde durch drei „rote Fäden“ erzeugt, die sich durch die Jahrgangsstufen ziehen: 1. Globalisierung der Ökonomie und Eine Welt, 2. Ökologisch bestimmte Ökonomie und soziale Verantwortung und 3. die informationstechnische Aufbereitung und Auswertung aller Lernfelder. Dieses Gerüst orientiert sich an den im Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung formulierten Leitsätzen und greift auf die Wirtschaftsdenkschrift der EKD „Gemeinwohl und Eigennutz“ (1991) zurück.

 

Als oberstes Lernziel wurde formuliert: „Erkennen, dass Wirtschaft der unter sittlichem Anspruch stehende Handlungszusammenhang der Bedürfnisbefriedigung innerhalb arbeitsteilig organisierter Produktionsprozesse und marktlich koordinierter Tauschprozesse ist.“ Dementsprechend bilden auch die drei Bausteine Bedürfnis, Arbeit/Produktion und Markt grundlegende Strukturen des Lehrplans. Die Kommission hat hier eine klare Entscheidung gegen das sog. „Nichtsättigungsprinzip“ vieler ökonomischer Theorien getroffen. Ausgehend von Bedürfnissen, die individuell, sozial und ökologisch verantwortet werden müssen, präferiert das Sachsenheimer Modell einen souveränen und selbstkritischen Konsumenten und wehrt die Vorstellung vom unbegrenzt manipulierbaren Käufer ab. Hierbei haben die Überlegungen von Hanne Schnabel-Henke eine große Rolle gespielt (vgl. H.Schnabel-Henke, Wirtschaftsethik an kaufmännischen Schulen, 1995). Im Ausgangspunkt vom „Bedürfnis“ ergab sich eine erfreuliche Übereinstimmung mit Ansätzen von Prof. Hans Kaminski (Institut für ökonomische Bildung der Universität Oldenburg), mit dem seit Januar 2000 ein Gedankenaustausch besteht und dessen Schulbuch „Praxis Arbeit/Wirtschaft“ für Unterricht an Realschulen in Niedersachsen eine praxisorientierte Umsetzung dieses Konzepts bietet.

 

Vernetzung statt Atomisierung

 

Als im Sommer 2000 dann die bundesweite Diskussion um die Einführung eines eigenen Schulfaches „Wirtschaft“ ausbracht, entschied sich Baden-Württemberg gegen diesen Weg (FAZ 8.8.2000: „Schavan: Schulfach Wirtschaft unnötig“). Eine weitere Atomisierung der Bildungsinhalte durch die Einführung eines weiteren Faches müsse gewehrt werden, lautete das Hauptargument. Diesem Vorwurf hat das Sachsenheimer Modell von Anfang an keine Angriffsfläche geboten, denn „Ökonomie“ ist hier als zentrales Vernetzungsfach konzipiert. Konsequent stand von Anfang an der Beschluss fest, dass die Stundentafel gegenüber den staatlichen Gymnasien nicht um die Ökonomie-Stunden erweitert und damit die Wochenstundenzahl in den einzelnen Jahrgangsstufen nicht angehoben wird. Dies wird durch Umstrukturierungen innerhalb der Stundentafel möglich gemacht. So finden z.B. jetzt wirtschaftsgeographische Sachverhalte ihren Platz schwerpunktmäßig im Ökonomieunterricht und werden in Kooperation mit Erdkunde unterrichtet. Entsprechend wird mit Wirtschaftsgeschichte verfahren. Auch die Schulung bestimmter Kompetenzen in Ökonomie, die auch in anderen Fächern gefördert werden, macht eine Verlagerung einzelner Stunden innerhalb des Fächerkanons möglich. Orientierung bei der Erarbeitung der neuen Stundentafel bot die Stundentafel für staatliche Gymnasien mit Sonderprofilen (Musik / Sport), die entsprechend  modifiziert wurde.

 

Der Lehrplan

 

In einigen Bundesländern gibt es wirtschaftsbezogene Fächer in einzelnen Jahrgangsstufen der Mittelstufe des Gymnasiums. Singulär in Sachsenheim ist der Ökonomie-Unterricht auf allen Jahrgangsstufen des Gymnasiums. Für die Entwicklung von Unterrichtsinhalten des Unterstufenunterrichts konnte daher auf keine Vorbilder zurückgegriffen werden.

 

Die altersgemäße Vermittlung von grundlegenden Erfahrungen der Wirtschaftswelt sieht das Sachsenheimer Modell in der Unterstufe im Studienfeld „Landwirtschaft“. Hier ist eine sehr konkrete, naturgebundene, regionalbezogene und kindgemäße Erarbeitung ökonomischer Sachverhalte möglich. Gleichzeitig sind moderne landwirtschaftliche Betriebe heute hochtechnisierte und –spezialisierte Unternehmen, die auf dem europäischen Agrarmarkt konkurrieren müssen und daher als Studienobjekte für wirtschaftliche Vorgänge und Rationalisierungsprobleme sehr geeignet sind. Es geht bei unserem landwirtschaftlichen Ausgangspunkt also nicht um rousseausche Sozialromantik, sondern um ein altersgemäßes Studienobjekt für ökonomische Prozesse. Dieser Ansatz wurde durch die Verhältnisse in Sachsenheim besonders gefördert: Von 1913 bis 1954 befand sich auf dem 5 Hektar großen Schulgelände eine landwirtschaftliche Frauenschule, deren landwirtschaftliche Übungsflächen, Obstbaumwiesen, Ställe und Gewächshäuser teilweise auch in der Zeit des Oberstufeninternats weiter gepflegt wurden und heute wieder für landwirtschaftliche Eigenprojekte der Schüler genutzt werden können. Die Orientierungsstufe Klasse 5/6 ist ganz diesem Bezug gewidmet.

 

In Klasse 7 steht dann der regionale Wirtschaftsraum im Vordergrund. Das Jahrgangsthema der Klasse 8 lautet „Der Betrieb“, während sich Klasse 9 „Beruf und Arbeitswelt“ widmet. Die Jahrgangsthemen sind jeweils in vier bis fünf Lehrplaneinheiten untergliedert. Der Lehrplan wurde nach dem Vorbild des staatlichen Bildungsplans für Gymnasien in Baden-Württemberg in sog. „T-Form“ mit Lernzielen, Themen und Inhalten erarbeitet. Kreist die Handlungsorientierung in der Unterstufe um landwirtschaftliche Projekte, so ist in der Mittelstufe die Gründung und Etablierung einer Schülerfirma im produzierenden oder Dienstleistungssektor geplant. Klasse 10 widmet sich der „Ökologisch-sozialen Marktwirtschaft“. Klasse 11 ist der „Wirtschafts­­­­ethik“ verschrieben.

 

Für die Jahrgangsstufen 12/13 ist die Übernahme des staatlichen Lehrplans für das Neigungsfach „Wirtschaft“, das im Wahlbereich ab dem Schuljahr 2003/04 in Baden-Württemberg an staatlichen Gymnasien angeboten wird, als Profilfach „Ökonomie“ am Lichtenstern-Gymnasium vorgesehen. Positiverweise hat sich die staatliche Lehrplankommission, die seit März 2001 den Lehrplan für dieses Oberstufenfach entwickelt, ebenfalls am Konzept von Hans Kaminski orientiert. Die vier Halbjahreskurse sind an seinem Sektorenmodell (Private Haushalte, Unternehmen, Staat, Ausland) orientiert. Der Sachsenheimer Lehrplan für die Klassen 5 bis 11 wird sich bruchlos an diesen Entwurf anpassen lassen.

 

Kai Buschmann
Lichtenstern-Gymnasium
Stellv. Schulleiter (heute: Waldschule Stuttgart-Degerloch)

April 2002

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