Schüler erleben die Veränderungen von Industrie 1.0 bis 4.0

Schüler bei der Fließfertigung.

 

in: Vaihinger Kreiszeitung vom 02. September 2017

 

Im Sachsenheimer Lichtenstern-Gymnasium wird seit 15 Jahren mit Erfolg Ökonomie als Schulfach im interdisziplinären Unterricht gelehrt

 

Sachsenheim (p). Ökonomie als Schulfach – am evangelischen Lichtenstern-Gymnasium läuft dieser modellhafte Sch

ulversuch nun bereits seit 15 Jahren mit Erfolg. Dabei geht es den Verantwortlichen des Schulträgers, der Schulstiftung der Evangelischen Landeskirche Württemberg und des Lichtenstern-Gymnasiums, nicht um eine Ökonomisierung von Schule, sondern um eine ethisch verantwortete Ökonomie.

 

Das Wissen um wirtschaftliche Sachverhalte sei bei Ökonomie als Schulfach das eine, die Kenntnis über die Folgen wirtschaftlichen Handelns ein anderes, so die Schule in ihrer Pressemitteilung. Mit einem interdisziplinären Konzept haben Schüler, Lehrer und Eltern im zurückliegenden Schuljahr experimentiert und so die flexible Raumkonzeption des Forums Lechler auf dem Sachsenheimer Lichtensterncampus mit praxisorientierten pädagogischen Elementen interpretiert.

 

Ausgangspunkt aller Überlegungen waren die Veränderungen durch die rasant zunehmende Digitalisierung und Vernetzung unserer Welt. Industrie 4.0, Arbeit 4.0, Schule 4.0 und Welt 4.0 sind hier die Schlagworte. Zielstellung am Lichtenstern-Gymnasium war es, Schülern über die vier Jahrgangsstufen sieben bis zehn die Veränderungsprozesse in gesellschaftlichen, kulturellen, technischen und wirtschaftlichen Bereichen zu vermitteln, die seit der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert zu erleben sind. Dabei stand im Vordergrund, dass Schüler die Wirkung disruptiver Prozesse beziehungsweise Innovationen als „schöpferische Zerstörung“, wie es der österreichische Wirtschaftswissenschaftler Joseph Alois Schumpeter formulierte, verstehen. Der konzeptionelle Arbeitsansatz am Lichtenstern-Gymnasium lautete dabei wie folgt: „Die vernetzte Gesellschaft: Industrie 1.0 bis 4.0 im interdisziplinären Unterricht“.

 

Leitbranche der Industrialisierung war die Textilindustrie. Mit Hilfe von Wasser- und Dampfkraft ließen sich technische Innovationen wie der mechanische Webstuhl oder Spinnmaschinen wie in der Kammgarnspinnerei Bietigheim antreiben. Produktionsprozesse veränderten sich und die Menschen fürchteten um ihre Erwerbsarbeit. In einer interdisziplinären Woche tauchten die Siebtklässler in die Zeit der beginnenden Industrialisierung ein.

 

Im Textilworkshop entstanden am Spinnrad Garne, wurde am neuen schuleigenen Webstuhl gewoben und natürlich wurde auch genäht, in der Technikwerkstatt konnten die Schüler mit Wasserrädern experimentieren und simulierten die Funktionsweise einer Dampfmaschine und bei einer Mühlenradtour entlang Metter und Enz mit Besichtigung des Wasserkraftwerks der SWBB am Bürgergarten konnten die Siebtklässler die Kraft des Wassers „erfahren“.

 

Die aufkommende Großchemie, die Nutzung der Elektrotechnik und maßgeblich die Einführung der Fließbandarbeit kennzeichneten die Phase der zweiten industriellen Revolution. Im fächerverbindenden Projekt erlebten die Achtklässler die umwälzenden Veränderungen. In Einzel- und Fließfertigung entstanden Holzfahrzeuge, wobei die Produktivitätssteigerung durch Einführung der Fließfertigung und kontinuierliche Verbesserungsprozesse enorm war. Bei einer Exkursion ins Bosch Archiv nach Feuerbach erfuhren die Schüler, welche Überlegungen, Erfordernisse aber auch Schwierigkeiten Robert Bosch bei der Einführung der Fließbandarbeit hatte, die er durch seine Geschäftsverbindungen und seine nordamerikanischen Produktionsstandorte kannte.

 

Die Kunst brachte sich durch eine Produktionsperformance ein. Zudem wurden parallele Entwicklungen etwa in der Designsprache der „arts and crafts – Bewegung“, dem Aufkommen des Jugendstils oder der Bauhaus-Architektur mit den Schülern thematisiert.

 

Halbleitertechnik, binärer Code, Schaltkreise und dann der Computer – eine Reihe bahnbrechender Innovationen gipfelte in der Erfindung des Computers und läutete das digitale Zeitalter ein. Exemplarisch erlebten die Neuntklässler am Beispiel der Musik- und Veranstaltungsbranche schöpferische Zerstörungsprozesse. Tonband, Schallplatte und Kassette hatten ausgedient. Mit dem mp3-Dateiformat veränderte sich die Musikbranche grundlegend. Heute streamen wir Musik- und Filmtitel und kreative Künstler lernen, auf dieser Basis ihre je eigenen Geschäftsmodelle aufzubauen. Die Neuntklässler erhielten Einblicke, durften sich selbst in digitalen Musikexperimenten versuchen und planten einen eigenen Clubabend. Die Zehntklässler des Lichtenstern-Gymnasiums tauchten in Expertengesprächen zu Virtual Reality oder Design Thinking tief in die Welt 4.0 ein. Es entstanden Unterrichtskonzepte, die dem Anspruch eines allgemeinbildenden Gymnasiums gerecht werden sollten, gleichzeitig aber auch in der beruflichen Schullandschaft eingesetzt werden können. Veränderungen der Arbeitswelt, der Rechtsrahmen für den Einsatz von Robotern, die Chancen des 3D-Drucks oder unsere zukünftigen (Grund-) Einkommensformen sind nur einige Themen, mit denen sich die Zehntklässler des Lichtenstern-Gymnasiums beschäftigten und die in einem Sachsenheimer Wirtschaftsgespräch gipfelten.

 

Ein arbeitsreiches Schuljahr liegt hinter allen an den interdisziplinären Projekten Beteiligten. Hervorzuheben sind dabei in erster Linie Schüler, die die Gesamtkonzeption das Jahr über in einem Schülerbeirat begleitet haben. Als agiles Projekt haben sie gemeinsam mit Lehrern die Gesamtkonzeption vorangetrieben und wichtige Impulse für das Gelingen eingebracht.

 

Neben der Umsetzung der Projekte in den Klassen sieben bis zehn ist diese beispielhafte Zusammenarbeit im pädagogischen Feld für Schulleiter Reinhart Gronbach ein wesentlicher und wertvoller Schatz, den es zu bewahren gilt. Zudem geben die Projekte den Kerngedanken des Forums Lechler wider, das Disziplinen miteinander verbinden soll, die in der Regel isoliert voneinander betrachtet und erlebt werden – und das auch im Schuljahr 2017/18.